Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod (2010)

Clowns scheinen auf die meisten Menschen eine zwiespältige Wirkung auszuüben. Sie sind entweder beliebt oder verhasst. Findet man ihren Auftritt komisch, bleibt man lange, auch über die Kindertage hinaus ein großer Liebhaber ihrer Kunst als Entertainer. Hat man aber als Kind ein Mal Momente erlebt, wo die grelle Maskierung des Clowns als Vertuschung seiner Frustration und Melancholie versagt, bleibt dieser entfremdende Eindruck der Skepsis oder sogar Angst ebenfalls unverloschen.

Einen heraus ragenden filmischen Beitrag über die Faszination und gleichzeitig Quelle von Furcht, die von einem Clown ausgehen kann, leistete der Stephen King Bestseller „Es“ (Original: „IT“) und die darauf basierende gleichnamige Verfilmung von Tommy Lee Wallace im Jahre 1990. Kings Clown (ein Glanzpunkt in Tim Currys Schauspielkarriere) war eine unmenschliche, sadistische Bestie, die Kinder mit ihren Tricks verführte und letztendlich abschlachtete. Die Seelen seiner Opfer schien der teuflische Pennywise ebenfalls gefangen zu halten und diese nie wieder freilassen zu wollen.

Ein weiteres und heutzutage im Gedächtnis wesentlich präsenteres Beispiel eines traumatisierenden Clowns ist Christopher Nolans brillant-verrückter Joker aus „The Dark Knight“. Joker (Heath Ledgers Darstellung für die Unvergessenheit) ist, ähnlich dem Pennywise, der übermenschnliche Bösewicht des Films, doch der Sadismus und die Gewalttätigkeit liegt nun vielmehr in einer nachvollziehbaren, menschlichen Vorgeschichte begründet. Der Unheil stiftende Psychopath war früher einmal selbst ein sensibles Kind und Opfer des grausamen Vaters. Das Ergebnis war erschreckender, da Joker viel mehr im realistischen Bereich des Möglichen lag.

Rob Zombie schuf in seinem Psychopathenfamilie-Zweiteiler „House of 1000 Corpses“ (2003) und „The Devil’s Rejects“ (2005) mit Captain Spaulding (Sid Haig als Ikone des Bösens) einen weiteren unvergesslich zynisch-sadistischen, permanent fluchenden Clown mit menschlichen Attributen, aber einer moralisierenden Anziehung. Captain Spauldings Weiterentwicklung gegenüber den vorigen Film-Clown-Versionen war sein Sexismus, dauernde Kopulationsbereitschaft, bwz. -bedürfnis und an Fantasie sich gegenseitig überbietende Fluch-Tiraden.

Alex de la Iglesia dringt in seinem Film „Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod“ noch wesentlich tiefer in die Materie und wagt eine ausschweifendere Erkundung des mysteriösen Mythos „Clown“.

Die Handlung setzt ein in dem vom Bürgerkrieg erschütterten Spanien im Jahre 1937. Während einer Vorstellung voller Kinder wird der Circus von bewaffneten Rebellen gestürmt, die sämtliche Männer, einschließlich der darstellenden Clowns und Trapetenkünstler, in ihre Armee gegen die anrückenden, zahlenmäßig weit überlegenen Nationalisten rekrutieren. Notdürftig werden die pazifistischen Unterhaltungskünstler, trotz Protest, mit Hieb- und Stichwaffen ausgestattet und gegen die anrückenden Gegner los geschickt. Diese Situation voller Widersprüche und Ironie erlebt ihren grotesken Höhepunkt, als der zahm und sensibel-naiv wirkende lustige Clown – die eigentliche Hauptattraktion des Circus – mit einer Machete eine halbe Legion niedermetzelt und in seinem Blutrausch sich bis zum anführenden General durchmetzelt. Der Angriff wird vereitelt, der Clown entwaffnet, eingekerkert und zur lebenslangen Sträflingsarbeit auf dem Bau des überdimensionalen symbolischen Monuments der Faschisten „Valle do los Caidos“ (Tal der Gefallenen) gezwungen.

Den Clown ereilt ein Schicksal wie tausende andere Opfer der Nationalisten – eine demütigende Verelendung als Kriegsgefangener, der mit der aufreibenden Arbeit sprichwörtlich sein eigenes Grab schaufelt. Als letzten weisen Ratschlag rät er deshalb seinem Sohn Javier, der die Familientradition im Clowngeschäft fortführen möchte, seine Kriegserfahrungen in seiner Arbeit zu verarbeiten. Er soll seine Trauer und Wut als trauriger Clown kanalisieren. Einen lustigen Clown zu verkörpern wäre hypokratisch nach all dem erlebten Elend und Leid.

40 Jahre später, man schreibt das Jahr 1977, ist Javier (Carlos Areces) zu dem geworden, was ihm sein verstorbener Vater angeraten hat. Er schlägt sich durch als trauriger Clown (immer im Schatten des vom Publikumk favorisierten lustigen Clowns), gerade auf auf einem Vorstellungsgespräch in einem neuen Circus. Des Vaters Credo ist Javier mit „Leiden“schaft gefolgt, er hat noch nie ein Kind zum Lachen gebracht.

Im neuen Circus-Team finden sich die kuriosesten und groteskesten Gestalten, vom Elefantendresseur, dessen weiblicher Elefant aus Eifersucht alle sich dem Dresseur nähernden Frauen zerstampft, über den sich in der Geschwindigkeit seines Motorrads stets verkalkulierenden Stuntfahrer, der nie die Kurve kriegt, bis zur verführerischen, gelenkigen und ihre Umfeld sexuell aufladenden Akrobatikkünstlerin Natalia (Carolina Bang), die Javier gleich im ersten Moment die Sinne raubt.

Doch die wahre Herausforderung findet Javier in seinem Alter-Ego und Vorgesetzten – dem lustigen Clown Sergio (Antonio de la Torre). Von Anfang an entfacht sich zwischen Sergio und Javier eine angespannte Beziehung von Dominanz und Subdominanz.

Bei der ersten Vorstellung nistet sich bereits eine bedrohliche Spannung ein:

„Why have you become a clown? No one decides without reason to become a clown. So what is your reason?”

- “If I wasn’t a Clown, I would have been a murderer!”

Der Konflikt spitzt sich auf künstlerischer und arbeitstalltäglicher Ebene immer mehr zu. Sergio entpuppt sich als starker Trinker, der in seinen Räuschen psychotisch-aggressive Anfälle bekommt und diese auf seine Umfeld abreagiert. Als Sergios Freundin, selbige alles sexualisierende Natalia, auch noch mit Javier kokettiert, entfacht sich die konfliktreiche Beziehung zwischen den ungleichen Clowns zu einem erbarmungslosen Krieg.

Dieses 7 Millionen Euro teure Opus Magnum von Alex de la Iglesia lässt sich schwer in wenigen Worten zusammen fassen. Noch schwieriger fällt es einem, die vielen Ebenen, auf denen „Mad Circus“ funktioniert, begrifflich zu machen.

Alex de la Iglesia, der im deutschsprachigen Raum genauso wenig bekannt ist wie in Amerika, wird in seiner Heimat in Spanien gern mit dem mexikanischen Regietalent Guillermo del Toro verglichen. Del Toros Stil vereint Fantasie, Originalität, Stilisierung, Gewalt und Humor in einer derart stimmigen Mischung, dass es kaum wundert warum er zum beliebtesten Regisseur aus dem spanischsprechenden Raum avanciert ist. „Pan’s Labyrinth“, „Hellboy“ und die „Blade“-Fortsetzung sind beseelt von unzügelnden Bilderstürmen.

De la Iglesia hat tatsächlich ähnliche Markenzeichen wie del Toro. Seine beeindruckendsten Filme (wie „El Dia de la Bestia“, „Accion Mutante“, „800 Bullets“, „Peliculas para no dormir“) sind erfüllt von schillernden Ideen, den anschaulichsten Szenarien und Zeugen einer großen Fantasiefülle. Nur mit dem Grad an Sex, Gewalt und blasphemischen und (politisch) provokanten Seitenhieben geht de la Iglesia viel weiter als del Toro. So weit, dass seine Filme im Energebnis grotesk-überzeichnet und trashig wirken. Für den europäischen und amerikanischen Geschmack wohl zu überdreht, um wirklich ernst genommen zu werden. Ein großes kulturelles Defizit, wie ich finde.

„Balade triste de la trompeta“ (der Originaltitel von Mad Circus) ist nun eben ein weiteres typisches Werk dieses spanischen Enfant Terrible. De la Iglesia hat, seinem Stil treu bleibend auch hier eine große Portion Gewalt, Sex, politische Unkorrektheit und Anarchie verarbeitet, nur dass „Mad Circus“ anders als seine früheren Werke ein viel nachhaltigeres politisches Statement auf die gewalttätige Geschichte Spaniens enthält. Den Grund für die labile psychische Verfassungszustände seiner beider Antihelden – die zwei polarisierenden Clowns – und deren sukzessive psychotischen Amokläufe führt de la Iglesia auf die Entmenschlichung unter der faschistischen Herrschaft Francos in Spanien zurück.

Dennoch ist Mad Circus kein Polit-Horror-Drama, viel mehr eine verrückte Mischung von Genreversatzstücken aus Drama, Horror, Splatter, TV-Ausschnitten, Parodie und Groteske.

Die kinematografisch virtuos gestalteten Bilder sind gefüllt von Symbolen und Attraktionen. Die Charaktere durchlaufen in einer irren Geschwindigkeit extreme Veränderungsprozesse. Dauernd passiert etwas auf der Leinwand und es ist kaum absehbar worauf der Plot hinaus läuft.

De la Iglesia spielt mit unseren Erwartungen und durchmischt wild die gängigen Filmklischees, während er gleichzeitig die Spannungsschraube und das Handlungstempo immer stärker hochjagdt.

Selten hat man ein so gelungenes, dichtes Intro und gleichzeitig atmosphärisch atemraubende Exposition gesehen, gefolgt von einer meisterhaften Pre-Credits Montage, von der selbst die aktuellen Marvel-Verfilmungen etwas abschauen könnten.

Die Verwendung der Musik ist sehr abwechselnd und in ihrer Vielfalt breit, die Soundkulisse bei actionreichen Elementen haben die Klasse von Megaproduktionen wie „Der Soldat James Ryan“.

 

Dabei erwähnte ich noch nicht einmal die Krönung des Films: die beiden sich mit psychischen und phyischen Mitteln rivalisierenden Clowns, dargestellt von Carlos Areces und Antonio de la Torre. Der subtile Minimalismus ihrer beiden Gestiken in den wortlosen Szenen, wo sie sich hassentbrannt nur gegenüber stehen, und dazu im Kontrast die überzeugenden Kraftakte ihrer physischen Präsens, wenn radikale Gewalterruptionen folgen, sind beste Beispiele meisterlicher Method Actors wie Al Pacino, Robert De Niro, Christian Bale und Heath Ledger.

Leider werden Areces und de la Torre mit ihren Darstellungen in „Mad Circus“ nie den Ruhm der genannten Schauspielkollegen erreichen, da de la Iglesia mit seinem Enthusiasmus und Vorliebe für Pathos, Kitsch und trashiger Überhöhung mit Bestimmtheit kein Meisterwerk zuerkannt werden wird. Gerade die Eskalation zum Schluss überschreitet sämtliche Grenzen des guten Geschmacks und dramaturgischer Subtilität.

Der brillante Einstieg, die gekonnte Verdichtung der Atmosphäre und psychisches Katz-und-Maus-Spiel wird hier zugunsten von Selbstironisierung und Genreparodisierung verspielt.

Es ist anzuzweifeln, ob die offensichtliche Parodie auf „King Kong“ und Ikarus am Showdown-trächtigen Ende notwendig für die Dramaturgie gewesen ist.

Die Überdrehtheit des Regisseurs im letzten Drittel kann man auch als die stärkste Kritik an „Mad Circus“ anführen.

Doch für den Status eines (Underground)kultfilms können diese formlichen „Schnitzer“ vielleicht sogar dienlich sein, wer hätte zu seiner Entstehungszeit von „The Rocky Horror Picture Show“ jemals gedacht, dass dieser Film in die Geschichte eingehen wird als das beliebteste HorrorMusical überhaupt? Die Parallelen im Hinblick zu der Anarchisierung und parodistischen Überhöhung am Ende von „Rocky Horror“ sind sehr ähnlich mit der Conclusio von „Mad Circus“.

Nach Mad Circus gibt es im Fegefeuer der sündhaften Filmclownriege neben Captain Spaulding und dem Joker mit Sergio und Javier jedenfalls zwei Neueinträge zu verzeichnen.

Originaltitel: Balada triste de la trompeta; SPA - 2010
Regisseur: Alex de la Iglesia
Laufzeit: 107 min.

Bewertung: 
9

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